„Zieh dir bitte jetzt die Schuhe an.“
„Hast du schon Zähne geputzt?“
„Denk an deine Jacke!“
„Geh bitte noch einmal auf die Toilette.“
Viele Eltern kennen diesen Ablauf: Der Alltag besteht aus ständigen Erinnerungen und Erklärungen. Morgens vor der Kita oder Schule, nachmittags beim Aufräumen oder abends beim Zubettgehen. Ohne Erinnerungen geht einfach gar nichts. Eltern werden so schnell zum „Erklärbären“ des Familienalltags.
Ist das dein Alltag?
Dein Kind sitzt (endlich) am Frühstückstisch – noch ein bisschen verschlafene Augen, es trödelt vor sich hin. Dann wandert irgendwann der letzte Biss in den Mund. Dein Blick wandert immer wieder zur Uhr, dein Stresspegel steigt, deine Laune sinkt. Und dann steht dein Kind auf, läuft Richtung Bad – welche Freude – und biegt dann ganz plötzlich ab ins Kinderzimmer, Lego direkt in der Hand.
Du startest: „Du solltest ins Bad, dich anziehen. Wir sind schon spät dran, du weißt, wir müssen pünktlich sein.“
Fünf Minuten später: „Hast du deine Zähne schon geputzt? Deine Zähne werden sonst schlecht und wir müssen zum Zahnarzt.“
Dann: „Denk an deinen Sportbeutel, heute ist Donnerstag, da hast du Turnen.“
Und dein morgendlicher Marathon endet erst, wenn dein Kind endlich in der Kita abgegeben oder auf dem Schulweg ist.
Für viele Eltern ist der erste Teil des Tages oft mindestens so anstrengend wie ein kompletter Arbeitstag.
Inhaltsangabe
Irgendwer muss doch den Überblick behalten – oder?
Kommt ein Baby in die Familie, verändert sich der Alltag mit einem Schlag. Alles wird auf links gedreht. Im Mittelpunkt natürlich die Bedürfnisse deines Babys: Essen, Wickeln, Kuscheln, Schlafen. All das bestimmt den Tagesrhythmus. Gleichzeitig treten die elterlichen Bedürfnisse in den Hintergrund. Das empfinden wir meistens als völlig normal und in Ordnung. Schließlich wollen wir ja, dass es unserem Nachwuchs gut geht. Und so übernehmen Eltern ganz automatisch und unbemerkt die komplette Organisation: Sie wissen immer, was zu tun ist, was als Nächstes passiert, behalten die Zeit im Blick und erinnern auch noch später ihr Kind an jeden einzelnen Schritt. So funktioniert das Familienleben eine Zeit lang ganz gut und wir sind zufrieden.
So entsteht ein Muster: Die Eltern denken für das Kind, für den Ablauf des Tages und das Kind folgt den Vorgaben (im besten Fall).
Mir ist das alles zu viel, ich kann nicht mehr
Ganz viele der Eltern, die mit mir im Coaching arbeiten, sind am Limit. Das bisherige Muster bröckelt: Dein Kind will autonom werden und geht in den Widerstand. Es macht nicht mehr einfach, was du ihm sagst. Es kümmert sich um nichts, du musst alles zehnmal sagen. Allgemeine Aufgaben, wie das Tischdecken oder das Einräumen der Spülmaschine, verweigert es komplett. Und das alles ist zum Dauerbrenner geworden. Du bewegst dich ständig zwischen Anweisungen geben und Machtkampf diese auch durchzusetzen. Klar, dass damit alle Energien verbraucht werden. Übrigens nicht nur deine, sondern auch die deines Kindes. Und das meist nur mit sehr spärlichem Erfolg.
Warum erkläre ich eigentlich so viel?
Bevor wir uns anschauen, wie du das verändern kannst, ist es ganz wichtig, herauszufinden, was „den Überblick behalten“ dir selbst bringt. (Trau dich ruhig, dabei ehrlich zu dir selbst zu sein – denn jeder Mensch profitiert auch immer in irgendeiner Weise von seinen eigenen Mustern)
Ein paar mögliche positive Gefühle dazu:
- Du fühlst dich sicher, weil du die Abläufe unter Kontrolle hältst
- Deine Erwartungen, wie etwas zu geschehen hat, werden erfüllt
- Es tut dir gut, gebraucht zu werden
- Die Bedürfnisse deines Kindes zu erfüllen, lässt dich wohlfühlen
- Du bekommst Anerkennung von anderen, wie gut du den Laden schmeißt
- Du gehst vorsorglich einem möglichen Konflikt aus dem Weg
Fühle einfach rein, alles, was dir in den Sinn kommt, ist richtig.
Mehr Input dazu findest du auch hier
Wie kommst du da wieder raus?
Mach dir zuerst klar, was du wirklich willst:
- Ein eigenständiges Kind?
- Ein Kind, das selbst gut für sich sorgt?
- Ein Kind, das sich als Teil der Familie versteht und sich an den Aufgaben beteiligt?
- Ein Kind, das eigenverantwortlich seine Bereiche gestalten kann?
- Ein Kind, das kreativ sein Leben gestalten kann?
Um dein Kind in diesen Belangen zu stärken, braucht es ein geeignetes Übungsfeld dazu.
Und das darfst du zur Verfügung stellen.
Verantwortung will geübt werden
Kinder wollen meist sehr früh autonom werden und entwickeln ganz automatisch Selbstständigkeit im Alltag – wenn man sie lässt.
Dazu brauchen sie die Chance, eigene Verantwortung zu übernehmen. Das kann zum Beispiel sein
- die eigene Müslischüssel direkt in die Spülmaschine zu stellen
- die Jacke ganz selbstverständlich an den entsprechenden Haken zu hängen
- die schmutzigen Schuhe im Flur auf den dafür vorgesehenen Platz zu stellen
- die Kleidung für morgen schon am Abend bereitzulegen
- nach dem Frühstück eigenständig ins Bad zu gehen und sich fertig zu machen
- die Brotdose eigenständig einzupacken
- usw.
Natürlich ist all das altersabhängig. Je früher du damit beginnst, desto selbstverständlicher wird die aktive Teilnahme deines Kindes. Kinder sind neugierig, sie wollen ein wichtiger Teil der Familie sein. Nutze das. Bestärke dein Kind, auch, wenn die Schüssel vielleicht noch nicht 100 % an dem Ort in der Spülmaschine landet, wo du sie gern hättest. Und ganz wichtig: Zeige deine Freude – nicht über das Ergebnis – sondern den Versuch es zu tun.
Kleine Veränderungen mit großer Wirkung
Hilfreich sind hier klare Routinen, die dein Kind kennt: morgens aufstehen, anziehen, frühstücken, Zähne putzen. Wenn Abläufe immer ähnlich sind, finden Kinder leichter ihren eigenen Rhythmus.
Je klarer du dazu einen sicheren Rahmen gibst, desto sicherer kann sich dein Kind innerhalb dessen bewegen. Dann macht das Spaß. Denn dein Kind spürt, ich kann das, ich bin selbstwirksam. Und: es will immer mehr davon.
Setzt euch zusammen und besprecht diese Abläufe gemeinsam. Anfangs können auch kleine Anstupser helfen: „Was fehlt noch, bevor wir losgehen?“
Aber bitte nicht dauerhaft, denn dann bist du wieder der Erklärbär, nur ein bisschen anders. Und wer will den schon täglich mehrmals erinnert werden zur Toilette zu gehen? Du vielleicht? Ne, oder? Und dein Kind auch nicht.
Gib deinem Kind die Chance, selbst zu denken.
Kinder übernehmen eigene Verantwortung nicht von heute auf morgen.
Doch wenn du weniger erklärst und mehr Raum zum Mitdenken gibst, verändert sich ganz viel:
Kinder beginnen Schritt für Schritt, selbst zu handeln.
Und der Erklärbär im Familienalltag darf langsam in den Ruhestand gehen.
Mehr zum Thema Verantwortung an mein Kind abgeben findest du hier
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