„Wie oft soll ich das noch sagen?“
„Jetzt hör doch endlich mal!“
„Warum kannst du nicht einfach machen, was ich dir sage?“
Wenn du solche Sätze kennst, bist du nicht allein.
Viele Mütter und Väter kommen genau mit diesem Thema zu mir. Sie sind müde vom Wiederholen. Genervt vom Ignorieren. Verunsichert, weil sie eigentlich gar nicht so viel schimpfen wollten – und es trotzdem immer wieder tun.
Und fast immer steht hinter der Frage „Warum hört mein Kind nicht?“ eine viel tiefere:
„Mache ich etwas falsch?“
Lass mich dir gleich zu Beginn etwas Wichtiges sagen:
Dein Kind „hört keinesfalls nicht“, um dich zu ärgern.
Und in den meisten Fällen hat das auch gar nichts mit Trotz zu tun.
Inhaltsangabe
Was wir eigentlich meinen, wenn wir sagen: „Mein Kind hört nicht“
Wenn Eltern sagen, ihr Kind höre nicht, meinen sie meistens:
- Es reagiert nicht sofort.
- Es macht nicht, was ich sage.
- Es diskutiert.
- Es ignoriert mich.
- Es macht genau das Gegenteil.
Doch „nicht hören“ ist kein Verhalten.
Es ist eine Interpretation.
Denn in Wahrheit hören Kinder uns oft sehr gut.
Sie reagieren nur nicht so, wie wir es erwarten.
Und genau hier beginnt der Perspektivwechsel.
Dein Kind ist kein Soldat – sondern ein Mensch in Entwicklung
Wir erwarten im Alltag oft eine Art „Befehl – Ausführung“-Reaktion:
„Zieh deine Schuhe an.“
→ Schuhe werden angezogen.
Doch Kinder – vor allem im Kleinkind- und Grundschulalter – funktionieren nicht nach militärischer Logik.
Ihr Gehirn ist noch im Aufbau.
Impulse, Emotionen und Bedürfnisse sind viel stärker als rationale Anweisungen.
Gerade in stressigen Momenten ist der sogenannte „vernünftige Teil“ des Gehirns schlicht nicht verfügbar.
Das bedeutet:
- Dein Kind kann in dem Moment vielleicht gar nicht kooperieren.
- Es ist überfordert.
- Es ist emotional aktiviert.
- Es steckt noch mitten im Spiel.
- Es fühlt sich nicht gesehen.
- Es erlebt gerade Autonomie.
Nicht Gehorsam ist sein Entwicklungsziel – sondern Selbstständigkeit.
Was im Gehirn deines Kindes wirklich passiert
Vielleicht denkst du jetzt:
„Aber mein Kind weiß doch ganz genau, was es tun soll.“
Ja. Wahrscheinlich weiß es das.
Und trotzdem gelingt es ihm nicht immer.
Warum?
Weil das Gehirn deines Kindes noch mitten in der Entwicklung steckt.
Der Bereich, der für Impulskontrolle, Planung und vorausschauendes Handeln zuständig ist – der sogenannte präfrontale Cortex – reift erst im Laufe der Kindheit und sogar bis ins junge Erwachsenenalter vollständig aus.
Das heißt:
- Dein Kind kann sehr wohl verstehen, was du sagst.
- Es kann Regeln erklären.
- Es kann in ruhigen Momenten zustimmen.
Aber unter Stress oder bei starken Gefühlen ist dieser „denkenden Teil“ des Gehirns oft nicht ausreichend aktiv.
Neuropsychologische Erkenntnisse
Der Neuropsychiater Daniel J. Siegel beschreibt in seinem Buch The Whole-Brain Child,
dass Kinder in emotionalen Momenten stark aus dem „Gefühlsgehirn“ reagieren.
Das rationale, abwägende Denken ist dann schlicht überlagert.
Mit anderen Worten:
Kooperation ist keine reine Willensfrage.
Sie ist eine Frage von Reife und Regulation.
Auch die Bindungsforschung – unter anderem geprägt durch John Bowlby – zeigt:
Kinder kooperieren besonders gut, wenn sie sich emotional sicher fühlen.
Nicht Druck aktiviert Zusammenarbeit, sondern Verbindung.
Autonomie ist Reifung – kein Trotz
Zwischen 2 und 6 Jahren passiert etwas Entscheidendes:
Kinder entdecken ihren eigenen Willen, das eigene ICH.
Das berühmte „Nein“ ist also überhaupt kein Angriff auf dich.
Es ist ein Meilenstein.
Ein Kind, das widerspricht, zeigt:
- Ich habe eine eigene Meinung.
- Ich nehme mich selbst wahr.
- Ich will Einfluss haben.
- Ich will Selbstwirksamkeit
Das fühlt sich im Alltag oft sehr anstrengend an.
Aber es ist ein Zeichen gesunder Entwicklung. Also eine echter Anlass zur Freude.
Das Problem ist auch gar nicht das „Nein“.
Das Problem ist, dass wir es sehr häufig persönlich nehmen.
Stress blockiert Kooperation – bei Kindern und bei uns
Kennst du diese Situation?
Du bist sowieso schon spät dran.
Das Frühstück ist halb gegessen.
Der Ranzen steht noch offen.
Und dein Kind spielt völlig entspannt Lego.
Du sagst: „Zieh dich bitte an.“
Keine Reaktion.
Du sagst es noch einmal.
Etwas lauter.
Immer noch nichts.
Und plötzlich eskaliert alles.
Was hier passiert, ist kein Ungehorsam.
Es ist ein Stresskreislauf.
- Du bist angespannt.
- Dein Ton verändert sich.
- Dein Kind spürt Druck.
- Sein Nervensystem geht in Widerstand.
- Kooperation sinkt.
Kinder kooperieren am besten, wenn sie sich sicher fühlen.
Unter Druck klappt das überhaupt nicht.
Verbindung kommt vor Kooperation
Ein Satz, der mein pädagogisches Arbeiten seit Jahren prägt, lautet:
Beziehung vor Erziehung.
Wenn ein Kind nicht reagiert, lohnt sich oft eine einfache Frage:
Bin ich gerade in Verbindung – oder nur in Anweisung?
Manchmal hilft es, kurz innezuhalten.
Blickkontakt aufzunehmen.
Eine Hand auf die Schulter zu legen.
Und zu sagen:
„Ich sehe, du bist gerade vertieft. Wir müssen in fünf Minuten los.“
Allein dieser Moment von Verbindung und Nähe verändert viel.
Kinder reagieren wesentlich stärker auf Beziehung als auf Lautstärke.
Wiederholen ist Lernbegleitung
Viele Eltern denken irgendwann:
„Ich will mich aber nicht ständig wiederholen.“
Doch Wiederholung ist kein Zeichen von Autoritätsverlust oder Schwäche.
Sie ist wichtiger Teil von Entwicklung.
Kinder lernen nicht durch einmaliges Hören.
Sie lernen durch:
- Wiederholung
- Vorbilder
- Begleitung
- Struktur
Ein Vierjähriger wird nicht plötzlich zuverlässig handeln, nur weil du es dreimal erklärt hast.
Das ist keine Respektlosigkeit.
Das ist Reifung.
Manchmal hört dein Kind nicht, weil es dich nicht versteht
Und damit meine ich nicht die Sprache.
Kinder hören deine Worte – aber sie lesen vor allem Stimmung.
Wenn deine Worte ruhig sind, aber dein Körper angespannt,
wenn dein Satz freundlich klingt, aber dein Gesicht genervt ist,
dann entsteht innere Unsicherheit.
Klarheit entsteht durch Kongruenz:
- klare Ansage
- ruhiger Ton
- fester Rahmen
- keine Drohung
- kein Machtkampf
Statt:
„Wenn du jetzt nicht kommst, dann …!“
Eher:
„Wir gehen jetzt. Ich helfe dir beim Beenden.“
Kooperation ist ein Beziehungsangebot
Kinder kooperieren nicht, weil sie müssen.
Sie kooperieren, wenn sie sich gesehen fühlen.
Das heißt nicht, dass sie immer begeistert sind.
Aber sie spüren:
- Meine Mama oder mein Papa meint es nicht gegen mich.
- Ich werde ernst genommen.
- Meine Gefühle dürfen da sein.
- Der Rahmen bleibt trotzdem klar.
Das ist kein laissez-faire.
Das ist klare, warme Führung.
Führung ohne Kampf.
5 konkrete Möglichkeiten, wenn dein Kind „nicht hört“
- Nähe statt Rufen
Rufe nicht von Weitem, was du von deinem Kind möchtest. Gehe hin. Sei präsent. - Übergänge ankündigen
„In fünf Minuten gehen wir.“ Kinder brauchen Vorbereitung – das zeigt gegenseitigen Respekt. - Wahlmöglichkeiten geben
„Ziehst du zuerst die Jacke oder die Schuhe an?“ - Verantwortung teilen
„Was brauchst du noch, um jetzt loszugehen?“ - Eigene Emotionen regulieren
Manchmal liegt der Schlüssel gar nicht im Verhalten deines Kindes, sondern in deinem Nervensystem. Sorge also immer gut für dich.
Wenn du merkst: Ich rutsche immer wieder ins Schreien
Viele Mütter und Väter sagen mir im Coaching:
„Ich wollte nie so sein. Und trotzdem schreie ich.“
Wenn du dich hier wiedererkennst, möchte ich dir sagen:
Nichts an dir ist „falsch“.
Du bist auch nicht „unfähig“ dein Kind zu erziehen.
Du bist wahrscheinlich einfach nur erschöpft.
Dauerstress senkt unsere Geduld.
Fehlende Unterstützung verstärkt Reizbarkeit.
Alte Prägungen melden sich besonders in Konflikten.
Der erste Schritt ist nicht Perfektion, sondern ein neues Bewusstsein.
Und vielleicht auch Mitgefühl und Geduld mit dir selbst.
Dein Kind testet nicht deine Macht
Hinter vielen „Hört-nicht“-Momenten steckt die viel tiefere Frage:
„Wie sicher bin ich hier eigentlich?“
„Bleibst du da, auch wenn ich Nein sage?“
„Hältst du meinen Widerstand aus?“
„Bist du stärker als mein Chaos?“
Kinder brauchen Führung. Aber keine Machtspiele.
Sie brauchen:
- Stabilität
- Integrität
- Klarheit
- Sicherheit
Wenn wir Eltern lernen, ruhig zu führen, statt laut zu kämpfen,
verändert sich mehr als nur das Verhalten.
Es verändert sich die Atmosphäre.
Ein neuer Blick auf „Nicht hören“
Vielleicht kannst du ab heute einen kleinen Perspektivwechsel ausprobieren:
Statt:
„Mein Kind hört nicht.“
Vielleicht:
„Mein Kind kann gerade nicht kooperieren.“
Oder:
„Was braucht es jetzt?“
Oder auch:
„Was brauche ich gerade?“
Erziehung ist kein Gehorsamstraining.
Sie ist Beziehungsarbeit.
Und ganz oft beginnt Veränderung nicht beim Kind –
sondern bei unserem Verständnis.
Wenn du tiefer einsteigen möchtest
Wenn du merkst, dass dich dieses Thema berührt,
wenn du dich zwischen Machtkampf und schlechtem Gewissen wiederfindest,
wenn du dir mehr Leichtigkeit im Alltag wünschst, dann ändere das.
Du musst diesen Weg nicht allein gehen.
In meinen Kursen begleite ich Mütter und Väter dabei,
- ihr Kind neu zu verstehen
- die Dynamiken hinter dem Verhalten zu erkennen
- einen klaren, warmen Erziehungsstil zu entwickeln
- aus dem Schreien auszusteigen
- und wieder mehr Freude in den Familienalltag zu bringen
Denn dein Kind hört nicht, um dich herauszufordern.
Es entwickelt sich.
Und du entwickelst dich mit.
Und genau darin liegt eure gemeinsame Stärke.
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